„Für einen politischen Neubeginn!“

Interview
, 21. August 2026

der Freitag: Frau Wagenknecht, 86 Prozent der AfD-Wähler wünschen sich „in unserem Land einen grundlegenden Wandel“. Wollen Sie denen den Wunsch erfüllen, indem Sie Ulrich Siegmund den Weg ins Ministerpräsidentenamt in Sachsen-Anhalt ebnen?

Sahra Wagenknecht: Die Menschen wünschen sich aus nachvollziehbaren Gründen einen politischen Neubeginn. Mieten, Energie- und Lebensmittelpreise steigen, unsere Schulen vermitteln keine ordentliche Bildung mehr, die Altersarmut wächst. Was den Leuten heute als „Reform“ verkauft wird, sind weitere Verschlechterungen. Zugleich werden Milliarden für Aufrüstung verschleudert, Merz‘ Russlandpolitik kann den Krieg nach Deutschland holen.

Viele wünschen sich, dass unsere Demokratie wieder funktioniert. Die Brandmauer-Koalitionen, die die AfD von jedem Einfluss fernhalten sollen, sind ein Schlag ins Gesicht ihrer Wähler und bewirken, dass es immer mehr werden. Deswegen fordern wir einen neuen Weg. Unser Ziel in Sachsen-Anhalt ist die Ablösung des CDU-Amtsinhabers und seine Ersetzung durch einen überparteilichen Ministerpräsidenten, der für einen politischen Neubeginn steht und unter Einbeziehung aller im Parlament vertretenen Parteien regiert.

Ihr Noch-Parteifreund Steffen Schütz aus Thüringen wirft Ihnen das Kalkül vor, mit Extremisten zu kooperieren, um selbst zu überleben.

So ein Quatsch! Richtig ist, dass wir uns nicht daran beteiligen werden, den CDU-Amtsinhaber Schulze, der absehbar ein für die CDU historisch schlechtes Ergebnis einfahren wird, noch mal ins Amt zu hieven. Seit wir das klargestellt haben, wird in den Medien aus vollen Rohren auf uns geschossen und uns wird unterstellt, wir würden uns der AfD anbiedern. Wir biedern uns niemandem an, nicht der AfD, aber auch nicht den etablierten Parteien, deren miese Politik für den Aufstieg der AfD verantwortlich ist. Und Stichwort Extremisten: Ich weiß auch, was für Leute es teilweise in der AfD gibt. Aber nur dort?

Was ist mit den Kiesewetters und Strack-Zimmermanns, die unverdrossen Dinge fordern, die Deutschland auf direktem Weg in einen Atomkrieg führen würden? Wie steht es um die Außenpolitik von Kriegskanzler Merz, der Deutschland zur größten Militärmacht Europas machen will und damit in den übelsten Traditionen deutscher Geschichte steht? Das ist auch extremistisch und ein klarer Bruch des Friedensgebots des Grundgesetzes. Oder die deutsche Israel-Politik: Wer einer Regierung, in der Faschisten sitzen und die einen Völkermord begeht, weiterhin Waffen liefert, ist der nicht extremistisch?

Es geht Steffen Schütz um den Rechtsextremismus.

Ich bin kein Freund vieler AfD‑Positionen. Sie hat die größten Übereinstimmungen mit der CDU, nicht mit uns. Aber wenn sie die Aufhebung der Russlandsanktionen fordert, die unsere Industrie zerstören, dann ist das richtig. Wenn sie für ein diplomatisches Ende des Ukraine-Krieges und eine andere Russlandpolitik wirbt, dann ist das richtig. Die Frage ist, ob sie solche Forderungen wirklich umsetzen würde. Sie unterstützt die Aufrüstung, hat lange für eine Wiedereinführung der Wehrpflicht geworben und unterhält enge Beziehungen zur US-Regierung unter Donald Trump. In der Sozialpolitik hätte Merz in ihr einen Partner, um den Sozialstaat kurz und klein zu schlagen. Aber solange das auch mit der SPD geht, braucht er die AfD nicht.

Und unabhängig von alledem gibt es Gründe, warum so viele Menschen AfD wählen. Die AfD weiterhin auszugrenzen und unsachlich auf ihr herumzuprügeln, macht sie nur stärker. Es war doch interessant: Die AfD beschwert sich immer, dass keiner mit ihr redet, aber als ich eine öffentliche Debatte angeboten habe, haben sowohl Alice Weidel als auch Björn Höcke gekniffen.

Ist Ulrich Siegmund für Sie ein Rechtsextremist?

Wer aus Ulrich Siegmund einen Wiedergänger Hitlers macht, hat jeden Kompass verloren. Das führt nur dazu, dass die Wähler am Ende auch bei berechtigter Kritik nicht mehr zuhören. Man muss die Positionen der AfD nicht mögen und tatsächlich gibt es in ihr Leute, die einer völkischen Ideologie anhängen, aber sie ist eine legale Partei und wird im Osten von fast der Hälfte aller Wähler gewählt.

Mit ihm und Höcke würden Sie also gern über überparteiliche Regierungen verhandeln?

Alle demokratisch gewählten Parteien sollten in einem Landtag miteinander reden, was denn sonst? Die sogenannte Brandmauer hat die Demokratie in eine Sackgasse geführt. Natürlich kann man das so lange fortsetzen, bis die AfD tatsächlich die absolute Mehrheit hat. Aber vielleicht wäre es klüger, vorher nach einem anderen Weg zu suchen?

Wenn das BSW es in den Magdeburger Landtag schafft, was soll die Fraktion in einem dritten Wahlgang tun, wenn eine einfache Mehrheit reicht und Siegmund als Ministerpräsident zur Wahl steht?

Unsere Medien neigen dazu, sich besonders leidenschaftlich mit den Fragen zu beschäftigen, die sich gar nicht stellen. Herr Siegmund hat ausgeschlossen, unter solchen Voraussetzungen in einem dritten Wahlgang zu kandidieren. Er will entweder vorher mithilfe von CDU-Abweichlern gewählt werden, oder er wird der CDU das Amt überlassen. Die ganze Debatte hat also nur den Sinn, das BSW zu diffamieren, das dem Mainstream nicht wegen der AfD, sondern vor allem wegen seiner friedenspolitischen Positionen ein Dorn im Auge ist.

Sie selbst haben keine Angst, als Bettvorleger der AfD zu enden?

Ich war in meiner nicht ganz kurzen politischen Biografie noch niemandes Bettvorleger und werde das ganz sicher auch in Zukunft nicht werden.

Würde sich eine AfD in Regierungsverantwortung entzaubern?

In den meisten europäischen Ländern war das das Ergebnis der Regierungsbeteiligungen rechter Parteien. Auch in Deutschland spricht viel dafür. Die Klügeren in der AfD hoffen, dass die Brandmauer sie noch möglichst lange davor schützt. Warum schließt Siegmund einen dritten Wahlgang aus? Höckes Stellvertreter Torben Braga hat vor Kurzem offen darüber geredet, dass die AfD aus den Reihen ihrer Mitglieder und Unterstützer personalpolitisch gar nicht in der Lage wäre, eine erfolgreiche Regierung zu führen. Wechselnde Mehrheiten würden zumindest bedeuten, dass die AfD in Sachfragen Position beziehen muss.

Gegen solch ein Modell haben sich 13 Ihrer 15 Thüringer Fraktionsmitglieder gerade klar ausgesprochen. Was erwarten Sie vom Sonderparteitag?

Es gibt auch in Thüringen an der Basis großen Unmut, dass wir uns von der CDU so vorführen lassen. Noch vor Kurzem war es selbst in der CDU üblich, dass in Fällen wie dem von Herrn Voigt ein Rücktritt nahegelegt wurde. Er hatte die KI-Affäre, jetzt wurde ihm noch der Doktortitel aberkannt. Frau Schavan und Herr zu Guttenberg sind zurückgetreten. Die jetzige Situation beschädigt nicht nur die CDU, sondern auch das BSW. Deshalb war unser Anliegen, dass das BSW in Thüringen Voigt nicht länger trägt. Es wäre gut, auch in Thüringen einen glaubwürdigen überparteilichen Ministerpräsidenten zu suchen. Es gäbe geeignete Persönlichkeiten.

Wer denn?

Ich nenne und verbrenne doch jetzt keine Namen. Aber es gibt interessanterweise sogar in der CDU Thüringen ähnliche Diskussionen. Ihr früherer Regierungssprecher hat in der Thüringischen Landeszeitung ein Modell vorgeschlagen, das unserem Vorschlag sehr nahekommt. Die jetzige Koalition hat keine eigene Mehrheit. Statt sich ausschließlich von der Linken abhängig zu machen, könnte sie sich bei unterschiedlichen Themen unterschiedliche Mehrheiten suchen.

Sie sind schon einmal damit gescheitert, die Landesvorsitzenden austauschen zu lassen. Vielleicht will Ihre Basis in Thüringen einfach, dass das BSW in der Koalition bleibt.

Damals hatten wir 120 Mitglieder, von denen fast die Hälfte im Umfeld von Fraktion und Regierung beschäftigt war. Inzwischen haben wir über 500 Mitglieder. Wenn viele von ihnen an dem Parteitag teilnehmen, wird er eine unabhängige Entscheidung treffen. Natürlich muss das in Thüringen entschieden werden, obwohl die Folgen auch andere Bundesländer betreffen. In Sachsen-Anhalt hören die Wahlkämpfer an jedem Infostand: Thüringen hat eure Glaubwürdigkeit beschädigt!

Die Journalistin Andrea Maurer, die Sie seit Langem beobachtet, schrieb gerade: „Instabile Verhältnisse ziehen Wagenknecht an, sie führt sie auch gern selbst herbei oder verstärkt die Instabilität.“

Unser Modell wäre nicht instabiler als die heutige Koalition. In vielen Ländern regieren Minderheitenregierungen sogar an der Spitze des Staates. Und was das BSW selbst angeht: Zeigen Sie mir eine junge Partei, die in den ersten Jahren wirklich stabil war. Schauen Sie sich an, wo die Grünen oder die AfD zwei Jahre nach ihrer Gründung standen und wie deren erste Parlamentsfraktionen aussahen: Das waren Chaos-Truppen. Als wir die Thüringer Landesliste aufgestellt haben, war das BSW wenige Wochen alt. Die meisten Kandidaten kannten wir nicht. Die Hoffnung, dass sie sich den Positionen verpflichtet fühlen würden, für die die Wähler sie in den Landtag gewählt haben, war leider eine Illusion.

Warum fokussieren Sie im Wahlkampf so stark auf die Brandmauer anstatt auf Frieden?

Die Medien fokussieren auf die Brandmauer und die AfD, nicht wir. Für uns ist die wachsende Kriegsgefahr das zentrale Thema, denn, wie es auch auf einem unserer Plakate heißt: Ohne Frieden ist alles nichts. Dass das BSW derzeit so bekämpft wird, liegt auch vor allem daran, dass wir die einzige konsequente Antikriegspartei sind.

Selbst die Linke hat der gigantischen Aufrüstung im Bundesrat zugestimmt und will russische Öltanker in der Ostsee jagen. Das erste Grundsatzpapier der BSW-Grundwertekommission ist eine Analyse, wie wir aus der gefährlichen Konfrontation im Verhältnis zu Russland herauskommen, warum Hochrüstung keine Sicherheit schafft und wie die Grundpfeiler einer neuen stabilen europäischen Friedensordnung aussehen könnten. Die Mainstream-Presse hat es totgeschwiegen.

Auch am drastischen Verlust von Medienpluralität spürt man, dass wir uns in einer Art Vorkriegszeit befinden. Kürzlich wurden mit britischen Drohnen Ziele in Russland angegriffen. Mit deutscher Technologie und deutschem Geld wird Moskau attackiert. Aus russischer Sicht führt die NATO längst einen offenen Krieg gegen das Land. Die Drohungen, darauf auch mit russischen Militärschlägen gegen NATO-Ziele zu reagieren, werden immer lauter.

Wenn wir diese Dynamik nicht stoppen, befinden wir uns bald in einem großen europäischen Krieg, der vor allem auf deutschem Territorium ausgetragen würde. Friedrich Merz nimmt das fahrlässig in Kauf. Auch deshalb ist alles hilfreich, was seine Kanzlerschaft erschüttern würde, also etwa die Abwahl der CDU in Sachsen‑Anhalt. Und dafür braucht es das BSW im Landtag.

Das Interview erschien am 21. August 2026 im Freitag.

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